Uli & die Demenz: Fünf Tipps bei herausforderndem Verhalten

So verhalte ich mich, wenn die Fetzen fliegen

Arguing senior woman with clenched fist and confused husband

Herausforderndes Verhalten: Wenn die Fetzen fliegen, müssen Pflegekräfte Streitschlichterqualitäten beweisen. (Foto: Fotolia)

Hilfe! Soeben hat Frau Frischsenf nach Herrn Maler geboxt. Herr Maler ruft: „Dir werde ich‘s zeigen.“ Er tritt mit dem Fuß nach Frau Frischsenf. Ich versuche, beide zu beruhigen. Aber: Schon knallt es – und ich bekomme eine Ohrfeige. Was nun?

"Demenz ist mein Thema", sagt Uli Zeller über sich selbst (Foto: Uli Zeller)

„Demenz ist mein Thema“, sagt Uli Zeller über sich selbst (Foto: Uli Zeller)

Herausforderndes Verhalten gehört zum Alltag von Pflegepersonal und pflegenden Angehörigen. Wie geht eine Pflegekraft mit Handgreiflichkeiten seitens Bewohnern im Idealfall um? Wie kann herausforderndes Verhalten vermieden werden?

Zuerst: Ich habe kein Patentrezept. Oft reagiere ich intuitiv. Erst danach merke ich: „Nein, das war nicht gut. Das hätte ich anders machen können.“ Ich habe fünf grundlegende Herangehensweisen zusammengetragen, um in Zukunft besser zu reagieren.

Erster Tipp: Nicht persönlich nehmen

Die Ohrfeige von Herr Maler hat nicht mir gegolten. Er wollte seine Mitbewohnerin Frau Frischsenf schlagen. Oder seine Wut galt einem Menschen, mit dem er früher zu tun hatte. Oder er ärgerte sich über sich selber. Jedenfalls: Ich muss herausforderndes Verhalten nicht persönlich nehmen.

 

Zweiter Tipp: Sich austauschen

Arbeitet man in einem Pflegeheim, hat man seine Kollegen. Ist man ehrenamtlich tätig, gibt es andere Ehrenamtliche. Als Angehöriger kann man eine Angehörigengruppe besuchen und Erfahrungen austauschen. Oder eine Bekannte anrufen. Nach einem kurzen Gespräch sehe ich die Situation in der Regel schon gelassener.

 

Dritter Tipp: Die Biographie ins Spiel bringen

Möglicherweise erschließt sich durch die Biographie des dementen Menschen die ein oder andere Verhaltensweise. Beispiel: Welchen persönlichen Hintergrund hat Herr Maler? Was hat Frau Frischsenf früher gearbeitet? Wie sind die Beiden mit Konflikten umgegangen? Und was hat ihnen geholfen, sich zu beruhigen? Was haben sie gern gemacht?

 

(Buchcover: Brunnen Verlag)

(Buchcover: Brunnen Verlag)

Vierter Tipp: Zeit haben

Ich muss kein gewisses Pensum erreichen, wenn ich mich mit dementen Menschen beschäftige. Ich will mir Zeit nehmen. Ich möchte für die Bewohner da sein, die jetzt hier sind. Wenn jemand mal nicht mitmachen will oder kann – bitteschön: Dann halte ich ihm nur die Hand. Dementen Menschen tut es gut, wenn man keine komplizierten Handlungen von ihnen erwartet. Sondern in mehreren Schritten nacheinander vorgeht.

 

Fünfter Tipp: Beschäftigen

Demente Menschen beschäftigen sich gerne. Gemeinsam Wäsche zusammenlegen, Geschirr abspülen, Tücher sortieren. Auch das Vorlesen von Geschichten und Gebeten kann beruhigen. Frau Bollmann war sehr umtriebig. Immer wieder erzählte sie von Ihrem Hobby, der Gartenarbeit. Also habe ich für sie eine Geschichte geschrieben. Sie handelt von einer Frau, die viel Arbeit in ihren Garten steckt. Ihr Enkel erinnert sie daran, dass Arbeit nicht alles ist – und dass sie sich mal ausruhen darf. Da legt sich die Frau auf ihren Liegestuhl und ruht sich aus – mitten in ihrem Garten. Als ich diese Geschichte Frau Bollmann vorlas, hörte sie zu. Sie lächelte. Danach blieb sie tatsächlich zufrieden sitzen. Diese Geschichte ist die Titelgeschichte meines Buches Frau Krause macht Pause.


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  • rosen912,

    Danke Herr Zeller für die doch sehr privaten und einfachen Tipps.

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  • Thomas,

    Die fünf Tipps sind sehr gut. Regen dazu an sich selbst zu reflektieren.
    Im Zusammenhang mit herausfordernden Verhalten bzw. Pflege würde ich noch einen Punkt ergänzen, den ich an erster Stelle setzen würde.
    Sich eingestehen, dass Gewalt und Aggressionen immer im Rahmen der Pflege vor kommen können.
    Sowohl von Menschen mit Demenz, als auch von Pflegekräften.
    Dieses Thema muss aus der Tabuzone raus.

    Als Pflege- bzw. Betreuungskraft können in mir auch Aggressionen hoch kommen, wenn ich eine geschmiert bekomme, oder ich zum fünften Mal in einer Schicht Frau XYZ aus dem Zimmer von Frau D, holen muss,
    die jeden Eindringling mit dem Stock attackiert.
    Da ist es okay, wenn ich innerlich nicht mehr ganz ruhig bin.

    Selbstverständlich darf ich dann aber keine Grenzen überschreiten und meine Aggressionen an den Schutzbefohlenen auslassen.

    Jeder muss seine Situation dann selbst reflektieren und einen Weg finden, damit erfolgreich um zugehen.
    Die fünf Punkte können dann helfen um einen anderen, den sogenannten professionellen Blick, auf die Situation zu bekommen.

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  • Uli Zeller,

    Super Hinweis! Vielen Dank. Ich bin immer dankbar für solche Ergänzungen. Das wäre vielleicht sogar mal ne eigene Kolumne zum Thema wert…

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  • Uli Zeller,

    Hier nochmal ein weiterführender Artikel zum Thema „Aggression in der Pflege“: http://www.pflege-today.de/aggression-in-der-pflege-teil-2/

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