Pflegeheim & Social-Media: So wird’s gemacht!

Worauf Pflege-Unternehmen bei ihrem Social-Media-Aufritt achten müssen

Für viele Pflege-Unternehmen sind soziale Netzwerke immer noch Neuland. Zu groß ist die Angst vor Shitstorms in einer Branche, in der die Emotionen schnell hochkochen. Doch wer offline bleibt, vergibt die Chance, mit der jungen Generation in Kontakt zu treten.

Die Sozialservice-Gesellschaft des Bayerischen Roten Kreuzes (SSG) betreibt seit Februar eine eigene Facebook-Seite. Gemeinsam mit IT-Assistenz Natascha Kühmstedt-Spengler betreut Markus Schlicht, ehemaliger Heimleiter, den Auftritt. Der 49-Jährige ist seit 15 Jahren bei der SSG und wirbt seit vergangenem Jahr als Personal-Recruiter um Fachkräfte für das Unternehmen. Der examinierte Altenpfleger brennt für das Projekt. Sein Elan überzeugte schließlich die Chefetage. Mit neuem Logo und optimiertem Web-Auftritt startete die SSG ihr Social-Media-Experiment. „Unternehmen sollten ihren Auftritt in den sozialen Netzwerken nicht nebenher laufen lassen“, bekräftigt Martin Schleicher. Der Gesundheitsmanager und Online-Marketing-Experte sagt weiter: Wie bei anderen Arbeitsabläufen seien saubere Planung und klare Kompetenzverteilung das A und O.

Konkrete Ziele aufstellen

„Wir möchten über das soziale Netzwerk Personal gewinnen und deutschlandweit als eigenständiges Unternehmen wahrgenommen werden“, formuliert Schlicht die SSG-Agenda. Wer sich etwa auf Facebook effizient in Szene setzen will, braucht konkrete Ziele. Klassisch wollen Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen vor allem Auszubildende sowie Fach- und Führungskräfte gewinnen. Darüber hinaus sind die Plattformen vielfältig einsetzbar: Pflege-Anbieter können etwa direkt mit Patienten oder Angehörigen kommunizieren, für Veranstaltungen und Angebote werben, sich zum Thema Hygiene positionieren oder das eigene Image zu pflegen.

Ziele messbar machen

Um den Erfolg der Social-Media-Kampagne messen zu können, sollten Unternehmen bereits während der Planung Kennzahlen aufstellen, die sie innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens erreichen wollen. Die Anzahl an Abonnenten ist dabei nur ein Erfolgsmaßstab von vielen. „Erfolg misst sich daran, ob die Besucher mit dem Anbieter interagieren“, betont Martin Schleicher, der Kliniken bei der Onlinekommunikation berät. Erfolgsfaktoren seien Kontakte, die das Unternehmen über ihren Auftritt knüpft, eingehende Bewerbungen oder steigende Besucherzahlen auf der Unternehmenswebseite. Im Idealfall bildet sich um den Social-Media-Kanal eine Community, die Inhalte teilt und darüber diskutiert. Eine solche Fan-Gemeinde aufzubauen, dauert normalerweise mindestens ein Jahr.

Zeit und Ressourcen einplanen

Oft hängt vom Durchhaltewillen und der Kontinuität der Unternehmen ab, ob das Experiment gelingt oder scheitert. Gerade die Aufbauphase verschlingt Ressourcen: Nur wer sich auf Gespräche einlässt, Fragen beantwortet und die Wünsche der Fans berücksichtigt, wird nachhaltig eine Gefolgschaft in sozialen Netzwerken aufbauen. „Inhalte teilen, reicht allein nicht. Ich schaue täglich 30 bis 40 Mal nach unserer Seite und interagiere mit den Fans“, berichtet SSG-Recruiter Schlicht.

Den passenden Kanal wählen

Welche Sozialen Netzwerke Unternehmen wählen, um sich zu präsentieren, hängt von den individuellen Zielen ab. Ein Beitrag auf Facebook ist schnell verfasst, besitzt aber eine durchschnittliche Lebensdauer von acht Stunden. Ein gut recherchierter Blogeintrag hingegen kostet Zeit, bereitet aber schwierige Themen wie Tarife oder Pflegegrade verständlich auf und lockt über Jahre hinweg interessierte Leser. Laut Nutzerzahlen bleibt Facebook das führende Soziale Netzwerk in Deutschland. „Allerdings wandern jüngere Nutzer vermehrt zu Instagram oder Snapchat ab. Daher planen wir derzeit einen Instagram-Account, um gezielt potentielle Azubis anzusprechen“, verrät der Recruiter.

Betreuer mit Persönlichkeit finden

Der gebürtige Oberpfälzer träumt davon, dass die 26 Häuser der SSG in Zukunft eigene Experten haben, die spannende Geschichten im Unternehmen finden, Bilder oder Videos machen und diese über die SSG-Seite teilen. „Das müssen Mitarbeiter sein, die experimentierfreudig und gut vernetzt sind“, erklärt er. Frisch und authentisch sollen sie wirken, schließlich leben die Sozialen Medien von Persönlichkeiten. „Unternehmen müssen bereit sein, Kontrolle abzugeben“, sagt Martin Schleicher. Denn wer auf Augenhöhe mit seinen Fans kommuniziert, macht sich angreifbar.

Ängste überwinden und sich auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten

Shitstorms können passieren, sind aber nicht existenzgefährdend“, beschwichtigt der Experte. Wichtig sei, dass Unternehmen sich des Risikos bewusst sind und in der Situation proaktiv reagieren. „Wir haben intensiv darüber gesprochen, wie wir mit einem möglichen Shitstorm umgehen werden“, sagt Schlicht. Er ist optimistisch, dass die SSG der Herausforderung gewachsen ist, bezieht aber gleichzeitig klar Haltung: „Wenn eine Flut an rassistischen oder sexistischen Kommentaren auf uns einprasselt, schalten wir die Seite vorübergehend ab“. Auf dem Niveau gebe es keine Diskussionsgrundlage.

 


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