Zu Besuch im Hospiz I: Wie aus der Zeit gefallen

Im Stuttgarter Hospiz behalten die Patienten ihre Selbstbestimmung – 1. Teil

Wer im Hospiz arbeitet oder jemanden besucht, passt sich der Geschwindigkeit der Gäste an (Foto: Fotolia)

 

 

Ich bin keine Stunde im Stuttgarter Hospiz, da zünde ich schon die erste Zigarette seit 26 Jahren an. Sie steckt in einem Mundstück, das mit einer Klammer an einem kurzen Ast befestigt ist.

Herr Müller (die Namen aller Patienten sind geändert) hält ihn in der Hand und raucht genüsslich. Die zweite folgt direkt im Anschluss. Das ist sein Morgenritual. Er hat die nicht heilbare Nervenkrankheit ALS und sitzt in einem elektrischen Rollstuhl. Gegenwärtig kann er noch seine Hände und seinen Kopf bewegen. Er spricht sehr langsam und schwer verständlich. Jede Bewegung kostet ihn sichtbar Mühe und Kraft. Und immer wieder geht ein breites Lächeln über sein Gesicht, wenn er die Pflegekräfte foppt oder sich selbst auf den Arm nimmt.

Im Hospiz verläuft die Zeit anders

Wir sitzen im Garten der Villa. Die Luft ist noch kühl, aber die Sonne wärmt. Die Forsythien blühen unverschämt gelb, diverse Singvögel begrüßen den Morgen und schließlich springt noch ein Eichhörnchen über den Weg. Im Hintergrund summt die geschäftige Stadt. Bis zum Abend bleiben die Stuttgarter Nachrichten unberührt auf einem Sofa liegen. Der Ort unweit des Stadtzentrums scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Wer hier arbeitet oder jemanden besucht, passt sich der Geschwindigkeit der Gäste an. Doch auch die kann ganz unterschiedlich sein.

Beispielsweise Frau Scheiterle ist noch agil. Sie geht viel spazieren in dem kleinen Garten. Noch lieber würde sie das Gelände des Hospizes verlassen – doch alleine darf sie das nicht. Hinter ihrer Disziplin und Rigidität scheint etwas Schwäbisches hindurch und dass sie als Mädchen Kunstturnerin war. Wahrscheinlich ist ihr Körper doch schwächer als sie ihn einschätzt. Der Darmkrebs gilt als nicht mehr heilbar. Sie hat immer gerne musiziert – Trompete, Orgel und Gitarre. Geblieben ist ihr die Flöte. Doch die Finger wollen nicht mehr so und durch die Chemotherapie hat sich das Gefühl in den Fingerspitzen verändert. Die Gespräche mit ihr sind leicht und quirlig.

Besondere Momente zwischen Pflegern und Gästen

Gegenwärtig sind sechs der acht Zimmer belegt: Eine Frau ist in der Nacht gestorben. Zwei Gäste sind bettlägerig. Drei kommen zum Essen in den hellen und freundlichen Gemeinschaftsraum, sitzen im Garten oder ziehen sich immer wieder auf ihre Zimmer zurück – ruhen und schlafen viel. „Wir versuchen den Patienten möglichst viel Selbstbestimmung zu lassen und sie in ihrem Tempo zu begleiten“, erzählt Ingeborg Burkhard. Die stellvertretende Pflegedienstleiterin ist resolut und herzlich zugleich. Sie pflegt die Menschen gerne, denn dann kann sie arbeiten und lauschen. Oft ergibt sich aus diesen Situationen ein tiefer Austausch. Sie erinnert sich noch an einen 50-jährigen Geschäftsmann, der tagelang kaum sprach und aus dem es plötzlich herausbrach: „Ich habe nicht gelebt!“

Als Vollzeitjob zu hart

Sie hat viel von den Sterbenden gelernt – vor allem: Leben ist immer hier und jetzt. Um sich noch Wünsche zu erfüllen, selbst Konflikte mit Angehörigen und Freunden zu lösen, dafür fehlen später Kraft oder die Gelegenheit. „Meine Arbeit ist existenziell und vielfältig“, sagt Marie-Luise Härter, die seit 18 Jahren Patienten im Hospiz begleitet. Bis vor eineinhalb Jahren war sie stellvertretende Pflegedienstleisterin und auf einer 90-Prozentstelle: „Das war eine harte Zeit.“ Verantwortlich zu sein, immer wieder selbst einzuspringen, das hat zu Schlafstörungen und auch privat zu Spannungen geführt. Seit sie auf 65 Prozent reduziert und Verantwortung abgegeben hat, geht es ihr viel besser. Kaum eine der knapp 20 Pflegekräfte und –helfer arbeitet auf einer Vollzeitstelle. Dafür ist die Arbeit zu hart.

Achtsamer Umgang mit den Gästen und sich selbst

Im Schnitt sind die Patienten 21 Tage im Haus. Im Einzelfall können es nur wenige Tage sein oder auch sechs Monate. Gerade weil im Stuttgarter Hospiz so viel Gemeinschaft und Nähe gelebt wird, ist jeder Tod auch für die Mitarbeiterinnen – lediglich zwei Männer gehören zum Team – ein emotionaler Abschied. In den Wochen vor meinem Besuch sind außergewöhnlich viele Patienten gestorben. Nicht umsonst hat die Grippewelle in der Zeit einige Mitarbeiter erwischt. Der Körper nimmt sich in so einer feinen und durchlässigen Atmosphäre seine Auszeiten. Trotz Achtsamkeit gegenüber sich selbst und der monatlichen verpflichtenden Supervisionen.

Ein guter Umgang mit den eigenen Grenzen ist deshalb wichtig: Trotz Warteliste nimmt das Hospiz in einer derartigen Situation lieber niemanden mehr auf, sondern bietet den anwesenden Gästen größtmögliche Unterstützung. Oft tauschen sich die Pflegenden über kleine und größere Veränderungen ihrer Gäste aus. So trägt das ganze Team die Sterbenden.


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