Sterbende kommen an dasselbe Ziel

Buchrezension: Stefan Weillers Letzte Lieder

Sterben gilt in der Gesellschaft als Tabuthema, Stefan Weiller sieht das anders

Stefan Weiller beschreibt Erfahrungen von Sterbenden und zeigt, dass wir am Ende am selben Ziel sind (Foto: Edel Verlag)

„Das Beruhigende am Sterben ist, jeder kommt an dasselbe Ziel“. Das sagt Michael, Mitte 60, zu dem Frankfurter Künstler Stefan Weiller. Der hat in den vergangenen Jahren zig Menschen in einem der 214 stationären Hospize deutschlandweit besucht und ihnen vor allem zugehört. Daraus ist Anfang des Jahres ein Buch geworden: Letzte Lieder.

Musik des Lebens

Sterbende erzählen von der Musik des Lebens. Und wenn der Tod auch alle Menschen gleichmacht, denn „Jeder kann es. Ich kann es. Sie können es. Einfacher jeder“, wie Michael sagt. Das Leben, das Sterben und die Musik des Lebens sind eben ganz unterschiedlich. Das reicht von „Satisfaction“ über „Gehe aus mein Herz und suche Freud‘“ bis zu Wagners „Gralserzählung“.

Vielfältige Momente

Sehr nüchtern und lapidar berichtet Weiller über seine Besuche. Erst beschreibt er seine Eindrücke von den 77 Sterbenden, dann folgt eine zitierte Passage, was der Sterbende erzählt hat, was ihm in diesem Moment wichtig ist. Und Leser erfahren von der Vielfalt des Lebens, vom Schwarzfahren, von schwäbischem Kartoffelsalat oder vom Juden, der in der Nazi-Zeit im Fluss tanzen muss.

Innere Ängste

Spürbar wird die besondere Situation, in der Weiller seinen Protagonisten begegnet: Als Fremder und vielleicht deshalb fein und sehr nah. Beispielsweise bestellt Melanie ihn zu einem zweiten Gespräch. Beim ersten war ihr Mann anwesend, sie konnte nicht so offen reden, wie sie wollte. Denn: „Eigentlich leide ich unter Missgunst, weil er weiterleben kann und soll“. Eine andere Frau sagt: „Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, obwohl sie mir nicht gehört“. Ein älterer Mann hat Angst, dass er womöglich wieder in ein Pflegeheim zurück muss. Vor schlechteren Behandlungen fürchtet er sich. Eine weitere Frau gesteht: „Es sind nicht nur die organischen Schmerzen. Der Schmerz liegt viel tiefer.“

Zeit für Erlebnisse

Die Leser denken automatisch über ihr Leben, ihr mögliches Sterben und ihre wertvollen Erlebnisse nach. Welche Lieder sind für mich bedeutend, weil sie als Schlaflieder vielleicht Schutz und Wärme gegeben haben, weil ich meinen Partner, meine Partnerin kennengelernt habe oder weil es den Abschied in passende Worte oder eine Melodie fasst. Welche Erlebnisse oder Aspekte meines Lebens sind mir wichtig. Welche Lösungen habe ich für mich gefunden? Würde ich tatsächlich im Hospiz noch mit Geschäftspartner über Arbeitsthemen reden, weil ich so viel Freude daran habe? Würde ich Knoten in der Brust verschweigen, mich in Gottes Hand begeben, weil ich nach fehlgeschlagenen Selbstmordversuchen gerne sterbe? Diesen Menschen ist Weiller begegnet und urteilt auf keiner Seite des Buches: So sind diese Menschen, so unterschiedlich, lautet die Botschaft. Deshalb ist es schade, dass die Texte nur zwei bis fünf Seiten kurz sind. Gerne hätte man diese Menschen besser kennen gelernt.

Alle 77 sind nichts besonderes. Deshalb verleihen sie Zuversicht und nehmen einen Teil der Angst vor dem Sterben. Sterben erscheint machbar. Es braucht kein Tabu zu sein.

Stefan Weiller: Letzte Lieder. Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens. Hamburg, Edel Books 2017.

 


Diskutieren, aber fair. Hier finden Sie unsere Kommentarregeln.

Kommentar verfassen

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen