Sexuelle Belästigung in der Pflege

So bekommt der Casanova-Greis den Platzverweis

Sexuelle Belästigung: Opfer sollen Grenzen setzen, statt sich zurückzuziehen. Ins Gespräch mit den Kollegen und dem Chef zu kommen und sich etwas von der Seele zu reden, ist besser als peinlich berührt zu schweigen oder sich selbst die Schuld zu geben (Foto: Fotolia)

Jede zweite Frau hat schon sexuelle Belästigung an ihrer Arbeitsstelle erlebt. In der Pflege kann man den nervigen Belästigern besonders schwer Einhalt gebieten. Denn es sind die oft verwirrten Bewohner, die sich an Hintern oder Brust ihrer Pflegerinnen verirren. Wie Sie auf die unsittlichen Annäherungsversuche reagieren sollten.

 Pflegerinnen sind zu Recht genervt und verärgert

Heilpraktikerin für Psychotherapie Heera Kosian ermutigt Pflegende, sich gegen sexuelle Belästigung zu wehren (Foto: privat)

Heera Kosian: Pflegende sollten sich gegen sexuelle Belästigung wehren (Foto: privat)

„Ein solcher Übergriff diskriminiert, demütigt und demonstriert männliche Macht“, erläutert Psychologin Heera Kosian von der Coachingakademie Roots & Wings and Friends. Das ist natürlich auch der Fall, wenn der Verursacher sexueller Belästigung alt und verwirrt ist. Opfer sind dann trotzdem zu Recht genervt und verärgert.

Grenzen ziehen, statt ausweichen

Wichtig ist es dann, direkt Grenzen zu ziehen. Viele Frauen versuchen der unangenehmen Situation auszuweichen und schicken männliche Kollegen vor. Das kann man machen. Wichtig wäre es aber, dem alten Menschen sofort zu erklären, dass der Griff an die Brust oder das vermeintliche Kompliment unangebracht sind. „Männer müssen auch mal hören, was Frauen alles als sexuelle Belästigung empfinden. Das fängt nämlich schon bei aufdringlichen Blicken an“, erläutert Trainerin Kosian.

Der Situation den vertraulichen Charakter nehmen

Problematisch sei vor allem, so Leiterin der Bundes-Antidiskriminierungsstelle Lüders, dass die meisten Fälle nicht gemeldet werden. „Viele Frauen trauen sich nicht, ihren Vorgesetzten anzusprechen, wenn sie belästigt werden“, sagt die Starnberger Pädagogin Kosian. Das liegt daran, dass solche Vorfälle schwer zu beweisen sind, denn sie geschehen meist unter vier Augen. Dazu kommt, dass jede Frau eine individuelle Schwelle hat, wann sie die Anmache als belästigend empfindet. Die Therapeutin mit eigener Praxis rät, Belästigungen öffentlich zu machen. Mit etwa einem lauten: „Nehmen Sie Ihre Finger da weg“ weist die Frau ihren Belästiger in seine Schranken. Das versteht auch ein Verwirrter. Jedenfalls für den Moment.

Erklärung aber keine Entschuldigung

Eine Erklärung gibt die Situation des Bewohners: Mit dem Alter nimmt der Wunsch nach erfüllter Sexualität nicht ab. Viele haben aber keinen Partner mehr oder sind körperlich nicht in der Lage, diese Wünsche auszuleben. Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe bleibt aber. Die Folge ist die sexuelle Belästigung der Pflegenden.

Falsches Schamgefühl und der Wunsch, sich zurückzuziehen, hindert Frauen ebenfalls daran, sich zu beschweren. „Oft kennen junge Frauen das Gefühl von Scham und Rückzug bereits aus ihrer Kindheit; etwa wenn sie dominante Eltern hatten“, weiß die Trainerin. Dann passiere es, dass Opfer den Vorfall nicht oder erst sehr spät als sexuelle Belästigung interpretieren. „Dauern die Eingriffe in die Intimsphäre an, kommt es zu weitreichenden körperlichen und psychischen Problemen“, weiß die 50-Jährige. Genannt seien hier: Leistungsabfall, Angststörungen, Schlafstörungen, Essstörungen, Beziehungskonflikte und letztlich Arbeitsunfähigkeit.

Chefs sollten Thema ernst nehmen

Bei der Hälfte aller Belästigungsfälle im Job bleibt es laut Umfrage des Bundesfamilienministeriums zwar bei Anspielungen, Anstarren oder dem Suchen unangenehmer körperlicher Nähe. Sexuelle Belästigung ist sogar ein Fall für die Polizei. Der Arbeitgeber ist per Gesetz dazu verpflichtet, seine Angestellten vor solchen Übergriffen zu schützen. „Wichtig ist, dass er sich hinter die Betroffenen stellt und das Thema ernst nimmt“, weiß Kosian.

 

Tipps für betroffene Frauen:

  • Energisch sein: Weisen Sie Übergriffe unmittelbar bei der ersten Anspielung zurück. Mit lauter und fester Stimme nehmen Sie der Situation den vertraulichen Charakter.
  • Reagiert das Gegenüber nicht einsichtig, drohen Sie, sich zu beschweren und damit, den Angriff öffentlich zu machen.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Chef oder einer Vertrauensperson Ihrer Firma, melden Sie den Vorfall auch Betriebsrat und/oder Personalstelle.
  • Verbünden Sie sich mit Kollegen, die Ähnliches mit betreffender Person erlebt haben, oder bei einem der Übergriffe anwesend waren.

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  • Robin,

    Guter Artikel, doch sehr einseitig

    Bestimmt sind Frauen weitaus häufiger Opfer als Männer, einen Artikel allerdings derart einseitig zu schreiben halte ich doch für bedenklich.
    Es kommt definitiv vor, dass auch Männer belästigt werden.
    Gerade bei jungen Pflegekräften werden auch Männer ab und an Opfer unsittlicher Berührungen. Diese hier völlig auszulassen und sexuelle Belästigung grundsätzlich als „Demonstration männlicher Macht“ zu beschreiben ist meines Erachtens nach falsch und verallgemeinernd. Eine schlecht Handlung, die (das möchte ich nicht bestreiten) zumeist von Männern ausgeht, wird als ausschließlich männlich präsentiert.
    So etwas sollte, gerade bei derart sensiblen Themen, vermieden werden.
    Opfer, egal welchen Geschlechts, müssen wahrgenommen werden.
    Trotz dieses Kritikpunkts ein sinnvoller und wichtiger Artikel.

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    • Leila Haidar,

      Lieber Robin,
      da bin ich voll und ganz bei dir. Bei meinen Recherchen kam das Thema, dass auch Männer Opfer sexueller Belästigung sein können, durchaus zur Sprache. Ich habe auch einen Freund, dem das einmal passierte und ich würde sogar sagen, dass diese Situation noch schlimmer ist. Weil das Tabu noch größer und die Hilfsangebote weniger.
      Ich habe mich dennoch entschieden, den Artikel mit Frauen zu schreiben, weil sehr viel mehr Frauen als Männer in der Pflege arbeiten. Außerdem sind die Motive und Hintergründe bei männlichen Opfern oft anders und deshalb hätte es sonst den Rahmen der Veröffentlichung gesprengt.
      Ich freue mich dennoch immer über eine kritische Auseinandersetzung mit diesem, wie du ja bereits sagtest, sensiblen Thema.
      deine Leila

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  • Rainer Pick,

    Guten Abend, es gibt sicherlich ausreichend Anlass dieses Thema aufzugreifen, den Begriff “ Casanova-Greis“ halte ich für übertrieben und eher reißerisch.
    Seit etwas mehr als 13 Jahren pflege ich meine Gattin und kann das Themas nur in der häuslichen Pflege „beleuchten“. Mir fehlt das Sexuelle an unserer, mehr als 40 Jahre glücklichen Beziehung sehr. So geschieht es, dass ich mein Verlangen auch auf weibliche Pflegekräfte, die mir bei der Pflege meiner Gattin helfen, fokussiert wird. Es ist mir natürlich nicht eingefallen, Po oder Busen zu grapschen, aber die eine oder andere Schwärmerei passierte schon und brachte mir eine Zeit der , ich will sie mal nennen, euphorische Verwirrtheit,
    Ich möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass es bei betreffenden Männern oder auch Frauen sehr wohl darauf ankommt, wie miteinander umgegangen wird. Meist sind Gespräche, Scherze oder die Nutzung der Zweideutigkeiten unserer Sprache bis zu einer gewissen Grenze hin, ein möglicher Weg, Übergriffe zu vermeiden.
    Achso, eine letzte Frage noch, eine, die gar nicht zum Thema gehört, mich jedoch interessiert: Ab welchem Alter ist man eigentlich ein Greis und was zeichnet den aus?
    Freundliche Grüße,
    Rainer

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  • Beate,

    Hallo ihr lieben,
    Ich (49) arbeite in der 24 h Pflege und mein neurologischer Patient (30) hat es zur Zeit sehr auf den Intimbereich verbal und auch zugreifend , abgesehen. Ich bin total enttäuscht von seinen Hadlungen,meine PDL ist mit dieser Situation auch sichtlich über fordert. Ich weis mir keinen Rat mehr wie ich damit umgehen soll,oder wie ich meinen Patiend davon abhalten kann. Er akzeptiert keine klare Grenze und klare Ansagen auch nicht,bitte geben sie mir einen Rat wie ich damit umgehen kann und wie ich mit meinem Patient weiter arbeiten kann ohne diese Übergriffen. Danke im Vorraus Beate

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