Magensonde: Zwangsernährung am Lebensende ist unnötig

Kommentar von Michael Sudahl

Künstliche Ernährung via Magensonde: Fluch oder Segen?

Viele Menschen mit Demenz werden per PEG-Sonde künstlich ernährt. Aus Angst, sie könnten verhungern, aber auch aus Bequemlichkeit. (Foto: Fotolia)

Jedes Jahr werden mehr als 150.000 PEG-Magensonden gelegt – Tendenz steigend. Die meisten Sonden erhalten Demenzpatienten. Viele von ihnen leben im Heim. Denn mit Fortschreiten der Krankheit kommt es oft zu Essproblemen. In solchen Fällen scheint sich die Magensonde geradezu aufzudrängen. Medizin-technisch gesehen ist die Anlage einer PEG-Sonde ein Klacks. Ein Routineeingriff, der verlässlich klappt (Erfolgsquote: mehr als 90 Prozent). Doch genau das könnte die Tücke sein. Denn der schnelle und gefahrlose Einsatz der Sonde macht sie zum bequemen Problemlöser.

Rhetorik des Verhungerns

Kritiker behaupten: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Schlauchernährung und Personalmangel. Ich sage: Angehörige haben Angst, ihre Eltern oder Partner verhungern zu lassen. Auffällig ist in der Diskussion um die Ernährung von Demenzpatienten die Rhetorik des Verhungerns. Die zieht sich wie ein roter Faden durch viele Fälle und wird von allen Beteiligten bedient: von Ärzten, Angehörigen und auch von Pflegern. Das Schlimme dabei – dieser Begriff wird entscheidungsleitend. Denn niemand möchte seinen Vater/Opa verhungern lassen.

„Hier wäre der Arzt als Anwalt der Patienteninteressen gefragt“

Magensonde als Körperverletzung

Essen anreichen statt Magensonde

Essen anreichen statt Magensonde: Pflegebibel-Autor Michael Sudahl will Angehörigen die Angst vor dem Verhungern lassen nehmen. (Foto: privat)

Dabei wird übersehen, dass künstliche Ernährung bei fortgeschrittener Demenz nicht unbedingt im Interesse des Patienten liegt. Branchenkenner sprechen sogar von Zwangsernährung. Niemand fragt, ob es sich um Körperverletzung handelt, wenn weder medizinische Notwendigkeit vorliegt, noch der Wille des Betroffenen bekannt ist. Hier wäre der Arzt als Anwalt der Patienteninteressen gefragt. Doch dessen Rollenverständnis hat sich offenbar geändert. Eine andere Sicht wäre, auf das Verschlucken zu achten. Steigt die Häufigkeit des Verschluckens, weil die Koordination der Schluckmuskulatur nicht mehr gewährleistet ist, ist das ein Signal, dass es auf das Lebensende zugeht.

Langsam kommt Bewegung in die Sache

Die Kritik an der PEG zeigt Wirkung: Erste Kliniken distanzieren sich von der vorschnellen Magensonde bei Demenz. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen unterstützen diese Skepsis. Es gibt eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Italien, die zeigt, dass PEG-Patienten mit fortgeschrittener Demenz früher sterben, als Patienten, die man durch kontinuierliches, vorsichtiges Füttern ernährt. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist erschütternd: Das Risiko zu versterben, wird durch die PEG-Sonde verdoppelt. Es kann zu schweren Komplikationen kommen. Verwirrte Patienten reißen sich Sonden heraus und verletzen sich. Die flüssige Nahrung läuft bisweilen in die Lunge und führt dort zur Entzündungen.

„In der letzten Lebensphase verlieren Essen und Trinken ihre ursprüngliche Funktion“

Essen mit Liebe reichen

Angehörige können auch aktiv dazu beitragen, die Lebensqualität eines Demenzkranken in den letzten Wochen und Monaten vor dem Tod zu verbessern. Sie können ins Heim gehen und Mutter oder Vater füttern. Sie können sich darum kümmern, dass das Essen noch mal warm gemacht wird. Und sie können den Teller selber nehmen und die Suppe anreichen. Ich bin mir sicher, jeder Demenzpatient spürt, wenn ihm Essen mit Liebe gereicht wird.

Hinzu kommt: In der letzten Lebensphase verlieren Essen und Trinken ihre ursprüngliche Funktion. Es geht nicht mehr um Kalorien- und Flüssigkeitszufuhr. Stattdessen wird der Geschmack der Lieblingsspeisen und Getränke zur Wohltat, und das Füttern ist dann Ausdruck der persönlichen Zuneigung. Und wer wüsste besser was schmeckt, als die Tochter oder der Enkel.

 

Hintergrund:

PEG – das steht für perkutane enterale Gastrotomie. Gemeint ist eine Ernährungssonde, die durch den Bauch hindurch in den Magen eingepflanzt wird. Über diesen kleinen Schlauch in der Bauchdecke gelangt flüssige Nahrung direkt in den Magen. Genutzt wird die PEG meist bei fortgeschrittener Demenz oder auch nach einem Schlaganfall. Für PEG-Patienten sind Essen und Trinken passé.

 


Diskutieren, aber fair. Hier finden Sie unsere Kommentarregeln.

  • JS,

    „Verwirrte Patienten reißen sich Sonden heraus und verletzen sich. Die flüssige Nahrung läuft bisweilen in die Lunge und führt dort zur Entzündungen“

    Bei einer perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG)? Versteh ich nicht.

    Antworten

    • Christian Cuypers,

      „Es kann bei zu starker Magenfüllung Reflux in die Speiseröhre zustande kommen. Folge besonders bei bettlägerigen Patienten kann eine Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch Einatmen von regurgitiertem Mageninhalt) sein. Ihr kann durch kleine Portionen oder langsame Zufuhr der Nahrung sowie durch Schräglagerung des Patienten vorgebeugt werden.“

      Quelle: http://www.medicoconsult.de/PEG-Sonde/

      Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen.

      Beste Grüße

      Christian Cuypers

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  • nils,

    ,,für peg-patienten ist essen und trinken passė“
    …ist doch quatsch! Ich hab selber solche pat gesehen die zusätzlich zur soko kleine portionen über den mund zu sich nehmen. Peg’s werden nämliCh auch zur UNTERSTÜTZUNG bei mangeldem appetiet eingesetzt.

    Antworten

    • Christian Cuypers,

      Hallo Nils,

      du hast natürlich völlig Recht, PEG-Patienten können weiterhin Nahrung zu sich nehmen. Nicht nur bei mangelndem Appetit, auch in der Umgewöhnungsphase essen und trinken viele Patienten zusätzlich – aus Gewohnheit und wegen der Sinneseindrücke. Die zitierte Formulierung ist also sicherlich überspitzt.

      Im schlimmsten Fall werden PEG-Sonden allerdings – das arbeitet der Autor ja eindrucksvoll heraus – als simple Komplettlösung eingesetzt. Weil es die Zeit für das Essen anreichen spart und das Gewissen der Angehörigen beruhigt. In diesen Fällen sind essen und trinken dann in der Tat (leider) passé.

      Liebe Grüße

      Christian

      Antworten

  • Christine Schiffler,

    Meine Mutter har seit einigen Jahren eine Peg .Sie bekam damals Schluckbeschwerden bedingt durch ihre Demenz und die Entscheidung bezogen auf eine Peg bekam ich als Angehörige von dem behandelnden Klinikarzt erklärt .Ich hätte auch anders entscheiden können , wie sie aber sagten ich lasse meine Mutter nicht verhungern .Wäre sie in dem Moment bevor die PEG gelegt wurde, nicht mehr in der Lage gewesen mit mir zu kommunizieren durch Worte , Lachen, und Augen hätte ich mich anders entschieden .Übrigens hat sie einen Reflux bekommen im letzten Jahr .Hintergrund waren zwei stille Appoplexe , somit kann man nicht alles verallgemeinern , da jeder Patient anders gelagert ist. Bezugnehmend auf Lagerung, es sollte selbstverständlich sein einen bettlägerigen Menschen mehrmals am Tag zu lagern, frisch zu machen punkto Inkontinenz , Gefahr durch Dekubitus , genau wie das hochfahren des Kopfteiles …sowie Kinestetik Anwendung damit der Patient nicht fast in der Mitte des Bettes liegt sondern Höhe Kopfteil da sonst genauso ein Problem mit der Sondenkost entstehen kann ,,denn wir selbst legen uns ja auch so ins Bett das wir uns wohl fühlen .Was manche leider nicht in der Lage sind umzusetzen,

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